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Was passiert, wenn Ihr Käufer mehr über Sie weiß als Sie über ihn?

Ihr nächstes Angebot liest vielleicht kein Mensch mehr.

Ein Agent nimmt es entgegen. Er vergleicht es mit vier anderen, prüft Ihre Referenzen, liest Ihre Vertragsbedingungen und sortiert Sie aus. Oder eben nicht. Das dauert keine Minute. Kein Termin, in dem Sie den Raum lesen können. Kein Anruf, in dem Sie etwas geraderücken. Kein Mensch, der sich an die letzten zehn Jahre erinnert.

Das klingt nach übermorgen. Es läuft bereits, und es hat schon einen Namen.

Sie treten in ein Rennen ein, das gelaufen ist

Es gibt diesen Moment, den jeder kennt, der lange genug im Vertrieb ist. Das Gespräch läuft gut, die Fragen sind freundlich, alle nicken. Und trotzdem spüren Sie, dass etwas nicht stimmt. Als spielten Sie eine Rolle in einem Stück, dessen Ende längst feststeht.

Dieses Gefühl täuscht Sie nicht.

Wenn Ihr Käufer heute zum ersten Mal anruft, hat er den größeren Teil seiner Entscheidung hinter sich. Seine Auswahlliste steht, sortiert nach Präferenz, und sie ist älter als Ihr Termin. In 95 von 100 Fällen kauft er am Ende bei einem Anbieter, der schon auf der allerersten Liste stand.

Das ist die eine Zahl, die Sie sich merken sollten. Alles andere folgt daraus. Der Termin, zu dem Sie eingeladen werden, ist dann keine Chance mehr. Er ist eine Bestätigung.

Der Vorsprung, den es nicht mehr gibt

Jahrzehntelang beruhte dieser Beruf auf einer stillen Übereinkunft: Der Verkäufer weiß mehr. Über das Produkt, den Markt, die Alternativen. Man traf sich, weil man an dieses Wissen sonst nicht herankam.

Diese Übereinkunft ist aufgekündigt. Nicht von Ihren Kunden. Von einer Maschine.

Jeder zweite B2B-Software-Käufer startet seine Recherche inzwischen im KI-Chatbot statt bei Google. Vor einem Jahr war es jeder Dritte. Und sieben von zehn haben sich am Ende für einen anderen Anbieter entschieden als geplant, weil der Assistent sie dorthin geführt hat.

Lassen Sie den letzten Satz einen Moment stehen. Sieben von zehn Entscheidungen wurden in einem Gespräch umgelenkt, bei dem niemand von Ihnen dabei war. Es gab keinen Termin, den Sie hätten besser vorbereiten können. Keinen Einwand, den Sie hätten entkräften können.

Ein Verkäufer, der Informationen überbringt, ist eine langsamere Suchmaschine.

Und jetzt kauft die Maschine

Bis hierher ging es um einen Menschen, der sich mit KI vorbereitet. Das ist die harmlose Variante.

Die unruhigere Frage lautet: Was passiert, wenn die Maschine nicht nur recherchiert, sondern entscheidet und bestellt?

Das ist keine Spekulation. Die Erhebung, die den Einsatz agentischer KI im Einkauf misst, listet als häufigste Anwendungsfälle wörtlich: Produkte suchen, bewerten und auswählen. Bestellstatus verfolgen. Und dann, ohne jedes Aufheben am Ende derselben Aufzählung: Produkte und Leistungen bestellen.

Ein Agent lässt sich nicht überzeugen. Er hat keinen guten Tag und keinen schlechten. Er erinnert sich nicht daran, dass Sie vor drei Jahren über Weihnachten geliefert haben, als es eng wurde. Er vergleicht, was vergleichbar ist, und alles andere existiert für ihn nicht.

Genau da entscheidet sich Ihre Zukunft. Wenn Sie nichts anzubieten haben als das, was in einer Tabelle steht, werden Sie in einer Tabelle verglichen. Und in Tabellen gewinnt der Günstigste.

KI von der Stange bringt Sie ins Spiel, nicht nach vorn

Der naheliegende Reflex lautet: Dann kaufen wir eben auch KI. Tun Sie das. Wer heute im Vertrieb keine KI einsetzt, verliert Tempo, und zwar sofort. Das ist der richtige erste Schritt, und es führt kein Weg daran vorbei.

Nur bleibt es ein Schritt, den alle gehen.

Ich habe KI von innen gesehen, in meiner Zeit als Chief Customer Officer bei Aleph Alpha. Nicht als Anwender, der ein Werkzeug einführt, sondern beim Bauen: Ich saß in den Räumen, in denen entschieden wurde, was ein Modell können muss und was es nie können wird. Was ich dort gelernt habe, ist unbequem für jeden, der auf das Werkzeug hofft. Beide Seiten kaufen dieselbe Technologie, trainiert auf demselben Internet, mit denselben Antworten auf dieselben Fragen.

Wie wenig davon übrig bleibt, zeigt eine Zahl von Gartner. Käufer wurden gefragt, von wem sie eher irreführende Informationen erwarten. Von der KI sagten 51 Prozent. Vom Vertriebsmitarbeiter 49 Prozent. Anders gesagt: Ihrem besten Verkäufer wird heute kaum mehr geglaubt als einer Maschine.

Von der Stange passt vieles. Das Entscheidende nie. Ein Werkzeug, das alle haben, unterscheidet niemanden, und ein Modell, das jeder mieten kann, ist kein Vorsprung, sondern eine Eintrittskarte.

Interessant wird KI erst an der Stelle, an der Sie sie mit dem verbinden, was nur Sie haben. Ihrem Markt. Ihren Kunden. Ihrer Geschichte. Den Gründen, aus denen bei Ihnen Entscheidungen so fallen, wie sie fallen. Nicht das Modell macht den Unterschied, sondern das Wissen, das Sie hineingeben.

Was Ihnen niemand nehmen kann

Denken Sie an den Menschen in Ihrem Vertrieb, der seit zwanzig Jahren dabei ist. Der eine Anfrage liest und nach dreißig Sekunden sagt: Da bewerben wir uns nicht. Fragen Sie ihn warum, kommt ein Schulterzucken. Er weiß es eben.

Genau das weiß er nicht eben. Er hat es sich über hunderte Angebote erarbeitet, gewonnene und verlorene. Es ist nur nie jemand auf die Idee gekommen, ihn danach zu fragen.

Warum Sie den Auftrag im März gewonnen und den im Mai verloren haben. Welcher Einwand jedes Mal kommt, und zwar in Minute vierzig, nicht in Minute zehn. Wo Ihre Preisgrenze wirklich liegt.

Das nenne ich das Ungeschriebene. Kein Modell hat es gelesen. Kein Wettbewerber kann es nachkaufen, weil es niemand verkauft. Und es hat ein Ablaufdatum, das in keinem Kalender steht: den Tag, an dem dieser Mensch in Rente geht.

Hier schließt sich der Kreis zum Agenten. Je mehr auf der anderen Seite automatisiert entschieden wird, desto weniger zählt, wie gut Sie präsentieren. Desto mehr zählt, was Sie über Ihren eigenen Markt wissen und in Ihr Angebot einbauen, bevor es jemand vergleicht. Das Ungeschriebene wird nicht unwichtiger, wenn Maschinen kaufen. Es wird das Einzige, was zählt.

Die unbequeme Pointe

Und jetzt der Teil, den fast alle überspringen.

Ihre KI kennt das Internet. Ihren Betrieb kennt sie nicht.

Sie weiß nicht, warum der März-Auftrag kam und der Mai-Auftrag ging. Sie kennt Ihren Wettbewerber nicht, Ihre Preisgrenze nicht, den einen Einwand nicht. Auf Ihre spezifischen Fragen gibt sie Ihnen schnelle, allgemeine Antworten. Das fühlt sich nach Fortschritt an und ist genau deshalb gefährlich.

In Deutschland setzt nur gut jedes zehnte KI-nutzende Unternehmen KI im internen Wissensmanagement ein. Das Wissen, das über Aufträge entscheidet, liegt weiter in Köpfen und in Systemen, die nicht miteinander reden.

Damit sieht die Aufgabe anders aus, als sie üblicherweise formuliert wird. Nicht KI einführen. Sondern das eigene Wissen so festhalten, dass eine Maschine damit arbeiten kann.

Das ist unbequem. Es lässt sich nicht in einem Quartal abschließen und nicht als Lizenz kaufen. Ein Werkzeug ist am Freitag eingeführt. Für das Ungeschriebene brauchen Sie Menschen, die aufschreiben, was sie bisher nur wussten. Und einen Grund, warum sie das tun sollten.

Noch ist Zeit. Nicht mehr lange.

Eine Beobachtung zum Schluss, die Ihnen gefallen wird.

In den USA setzen die Käufer bereits häufiger agentische KI ein als die Anbieter. In Deutschland ist es noch umgekehrt: Hier nutzt der Vertrieb KI häufiger als der Einkauf.

Ihr Einkauf ist Ihnen also noch nicht voraus. Wer daraus Entwarnung liest, hat auf die falsche Zahl geschaut. Die relevante ist die andere: Der Recherchestart im Chatbot hat sich in elf Monaten fast verdoppelt. Eine Bewegung in dieser Geschwindigkeit hält nicht an einer Landesgrenze.

Sie haben kein Problem. Sie haben ein Zeitfenster.

Was Sie in dieser Zeit tun, entscheidet nicht darüber, ob Sie moderne Werkzeuge haben. Die werden alle haben. Es entscheidet darüber, ob Sie in drei Jahren noch etwas zu bieten haben, das Ihr Wettbewerber nicht beim selben Anbieter bestellen kann.

Alles andere hat Ihr Käufer bereits gelesen. Oder seine Maschine.

Kurz gefasst

Warum weiß der Käufer heute mehr als der Verkäufer?
Weil er den Großteil seiner Entscheidung trifft, bevor er Kontakt aufnimmt, und dabei zunehmend KI einsetzt. Beim ersten Gespräch ist er im Schnitt 61 Prozent seiner Kaufreise durch, und 94 Prozent der Einkaufsgremien haben ihre Auswahlliste zu diesem Zeitpunkt bereits nach Präferenz sortiert. Der Verkäufer betritt eine Entscheidung, die weitgehend gefallen ist.
Was ändert sich, wenn KI-Agenten nicht nur recherchieren, sondern bestellen?
Dann verliert alles an Wert, was auf Überzeugung beruht: Präsentation, Beziehung, das Gespür im Raum. Ein Agent vergleicht, was vergleichbar ist. Deloitte Digital nennt als Anwendungsfälle agentischer KI im Einkauf bereits nicht nur das Suchen und Auswählen von Produkten, sondern auch das Bestellen. Wer dann nichts anzubieten hat als vergleichbare Angaben, wird über den Preis verglichen.
Hilft es, im Vertrieb dieselbe KI einzusetzen wie der Käufer?
KI einzusetzen ist der richtige erste Schritt, aber es schafft keinen Vorsprung, weil beide Seiten dieselbe Technologie kaufen, trainiert auf denselben öffentlichen Daten. Gartner misst, dass Käufer generative KI (51 Prozent) und Vertriebsmitarbeiter (49 Prozent) nahezu gleich häufig für irreführend halten. Der Unterschied entsteht erst, wenn die KI mit dem eigenen Markt-, Kunden- und Unternehmenswissen verbunden wird.
Was ist das Ungeschriebene?
Das Wissen über den eigenen Vertrieb, das nirgends im Internet steht und deshalb in keinem allgemeinen KI-Modell steckt: warum ein Auftrag gewonnen und ein anderer verloren wurde, welcher Einwand jedes Mal kommt, wo die Preisgrenze wirklich liegt. Es ist der einzige Vorsprung, der bleibt, wenn beide Seiten dieselbe KI einsetzen, und die eigene KI kennt es zunächst genauso wenig wie die des Käufers.

Quellen

  1. 6sense: B2B Buyer Experience Report 2025, 12. November 2025

    Beim ersten Kontakt ist der Käufer im Schnitt 61% seiner Kaufreise durch (2023 und 2024: 69%). 94% hatten ihre Auswahlliste vor dem ersten Anbieterkontakt nach Präferenz sortiert; bei 77% war das erste Anbietergespräch das mit dem späteren Gewinner; in 95% der Fälle stammt der gewählte Anbieter von der Liste des ersten Tages. Knapp 4.000 Käufer, davon 46% Nordamerika, 20% Kontinentaleuropa, 20% UK und Irland, 14% Asien-Pazifik.

  2. G2: G2 2026 Buyer Behavior Report, 15. April 2026

    51% der B2B-Software-Käufer starten ihre Recherche häufiger im KI-Chatbot als bei Google, elf Monate zuvor waren es 29%. 69% wählten aufgrund der Chatbot-Empfehlung einen anderen Anbieter als ursprünglich geplant. 1.076 B2B-Entscheider, erhoben März 2026.

  3. Deloitte Digital: Accelerating sales growth through B2B digital commerce, Januar 2026

    38% der B2B-Käufer setzen agentische KI im Einkaufsprozess ein, häufigster Anwendungsfall ist Produkte suchen, bewerten und auswählen. Auf Anbieterseite sind es 24%. Je 530 US-Befragte ab Director-Level in Unternehmen ab 1.000 Beschäftigten, Feldzeit August/September 2025.

  4. Gartner: Gartner B2B Buyer Survey, 20. Mai 2026

    51% der B2B-Käufer halten es für wahrscheinlicher, von generativer KI irreführende Informationen zu bekommen, 49% halten das beim Vertriebsmitarbeiter für wahrscheinlicher. 645 B2B-Käufer, Feldzeit August/September 2025.

    Gartner sperrt den direkten Zugriff auf die Pressemitteilung. Der Wortlaut wurde gegen zwei unabhängige, wortgleiche Verbreitungen derselben Mitteilung geprüft. Volltext

  5. Bitkom: Künstliche Intelligenz in Deutschland: Perspektiven aus Bevölkerung und Unternehmen, 15. September 2025

    Nur 11% der KI-nutzenden Unternehmen setzen KI im internen Wissensmanagement ein. Basis: 215 KI-nutzende Unternehmen aus 604 telefonisch befragten Unternehmen ab 20 Beschäftigten, Feldzeit KW 27 bis 32/2025.

  6. Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln): Künstliche Intelligenz als Wettbewerbsfaktor für die deutsche Wirtschaft (IW-Report Nr. 33), 4. Juli 2025

    Von den KI-nutzenden Unternehmen in Deutschland setzen 45,5% KI in der Produktion ein und 29,3% im Vertrieb (Top-5-Tabelle, n=428); der Einkauf erscheint nicht in den Top 5 und liegt damit unter 26,8%. Beim geplanten Einsatz ist der Abstand ausgewiesen: Vertrieb 43,6%, Einkauf 33,0% (n=239). IW-Zukunftspanel Welle 49, 1.038 Unternehmen, erhoben 2024.